Pressemitteilung:

Unser BMBF Projekt SimpleAnno Metadata Editor "Entwicklung einer Middleware zur ontologie- und textmining-gestützten Vereinfachung der Annotation und Suche digitaler medizinischer Inhalte am Beispiel der Zahnmedizin" hat es in die Berlin To Go geschafft. Das Business Magazine der "Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie"

Simple Anno in der Berlin to Go

Quelle: Berlin Partner

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Erhebungen zum Leseverhalten und zu bevorzugten Formaten von Zahnmedizinern

Von Dr. Fabian Langenbach

 

 

Auszug aus der Masterthese:

Wandel des Nutzerverhaltens bei der Rezeption wissenschaftlicher Fachartikel - Untersuchungen im Bezug auf das Geschäftsmodell “Pay-Per-Read” (2016), Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines Master of Science am Institut für Betriebswirtschaftslehre, Technische Universität Berlin

Hintergrund:

Um zu einer umfassenden Einschätzung der Bedürfnisse von Zahnmedizinern bei der Rezeption von Fachliteratur zu gelangen, wurde eine Umfragen auf dem Berliner Zahnärztetag im Februar 2016 durchgeführt. Befragt wurden 14 Frauen (46,7%) und 16 Männer (53,3%), davon 14 Personen im Alter von 20 - 40 Jahren und 16 im Alter von 40 - 60 Jahren. Der Median der weiblichen Befragten lag bei 40 Jahren und der Median der männlichen Befragten bei 45 Jahren. Laut Statistik gab es in Deutschland 2014 circa 30.750 (43,5%) weibliche und 40.000 (56,5%) männliche Zahnmediziner (Quelle: statista). Womit die Quote der Befragten in etwa der deutschlandweiten Verteilung entspricht. 

Im Median betrachten Zahnmediziner acht fachbezogene Inhalte pro Woche

Die Befragung ergab, dass 40% der Zahnmediziner 1 - 5 Artikel/ Berichte/ Videos pro Woche konsumieren und mehr als die Hälfte (53%) 6 - 15 Artikel (Median: 8). Das Alter der Befragten hat keinen Einfluss auf die Anzahl konsumierter Fachinhalte. Ein Median von 8 pro Woche ergibt 416 Artikel/ Berichte/ Videos pro Jahr. Der erhebliche Unterschied im vergleich zur Literatur (zwischen 145 (Tenopir et al. 2007) und 232 Fachartikeln (Tenopir et al. 2003) im außerhochschulischen Bereich) liegt darin begründet, dass die Zahnmediziner, zusätzlich zu Fachartikeln, auch nach Berichten und Videos gefragt wurden.

Statistik: Anzahl fachbezogener Inhalte

Zukünftige Erhebungen mittels PPR

Ausgehend von diesem Ergebnis sind weitere Erhebungen notwendig, um eine Aufteilung nach Publikationsformaten vorzunehmen. Jedoch werden dazu in Zukunft keine Umfragen mehr notwendig sein. Denn durch die Aufzeichnung der Lesezeit in PPR wird eine Unterteilung in Lesezeiten auf unterschiedliche Formate möglich. Auch die Betrachtungszeit von Bildern und Grafiken innerhalb eines Fachartikels, wird dann eine interessante Messgröße sein.

Praxiszahnärzte lesen weniger online als ihre Kollegen an Universitäten

Gefragt nach dem Anteil online gelesener Inhalte, antworteten 87% der Befragten, 50% oder weniger online zu lesen. Nur 13% der Befragten lesen 75% ihrer Artikel online. Im internationalen Durchschnitt lesen 73,4% der Hochschul-Mediziner mehr als die Hälfte ihrer Artikel online (Tenopir et al. 2011) und 61,7% sogar mehr als 75% ihrer Artikel.

Anteil online gelesener Artikel

Ursachen für geringe Online Quote im Vergleich zu Hochschulmedizinern

Mögliche Ursachen für diesen großen Unterschied liegen in den Zugangsmöglichkeiten und dem Ziel der Literatur-Rezeption von Hochschul-Medizinern. Aufgrund des größtenteils freien Zugriffs auf Fachliteratur durch die Anbindung an die Hochschulbibliothek, steht den Medizinern ein deutlich größerer Wissensraum zur Verfügung, als den Kollegen in der Praxis. Wie vom Direktor des deutschen Cochrane Zentrums beschrieben, haben Arztpraxen so gut wie keinen Zugang zu wissenschaftlicher Fachliteratur (Antes 2015) (siehe Möglichkeiten des Zugriffs auf den notwendigen Wissensraum). Wenn Fachliteratur durch Praxismediziner konsumiert wird, dann meist in Form von abonnierten Zeitschriften (siehe Zeitschriften-Abonnements bei Zahnmedizinern). Das Ziel auf dem aktuellen Stand der Forschung zu bleiben, lässt sich gut mit abonnierten Printzeitschriften erreichen. Dagegen eignen sich Printformate für die Recherche im Rahmen von Forschung und Lehre nur sehr schlecht.

Junge Zahnmediziner lesen mehr online

Unterteilt in die beiden Altersgruppen, der unter 40 jährigen und über 40 jährigen, ergibt sich ein signifikanter Unterschied, mit einer Präferenz der jüngeren Befragten für digitale Inhalte (die Signifikanz des Unterschieds der beiden Altersgruppen p=0,05 wurde mittels T-Test ermittelt). So lag der Durchschnitt der unter 40 jährigen bei 44,6% online gelesener Artikel (29,7% bei den über 40 jährigen).

Bedarf nach Erwerb und dauerhafter Speicherung von Fachartikeln

Die Teilnehmer sollten auf einer Skala von 1 - 5 (1=trifft zu; 5 trifft nicht zu) die folgende Aussage bewerten: “Der dauerhafte Erwerb und die Speicherung eines Fachartikels sind mir wichtig.” Für die Hälfte der Befragten trifft diese Aussage zu oder sie trifft eher zu. Dagegen ist es 40% eher unwichtig, einen Fachartikel zu erwerben und zu speichern (10% waren unentschlossen). Ein signifikanter Unterschied zwischen den Altersgruppen konnte nicht ermittelt werden. Dafür war in diesem Fall die Anzahl der Befragten zu gering. Das fehlende Bedürfnis nach langfristiger Speicherung und dem Erwerb von Besitzrechten passt zu der hohen Quote von Artikeln, die nur ein einziges Mal gelesen werden (84%) (Tenopir et al. 2004). Eine Speicherung der Artikel ist dabei unwichtig. Trotzdem geben 50% der Zahnmediziner an, dass ihnen der dauerhaft Erwerb wichtig sei.

Zustimmungsgrad zu der Aussage: Der dauerhafte Erwerb und die Speicherung eines Fachartikels sind mir wichtig

Ob Print oder Digital, für den Preis spielt das nur für wenige eine Rolle.

Daran schließt sich die nächste Aussage der Umfrage an: “Für einen günstigeren Preis würde ich Fachartikel auch ausschließlich online lesen!” Diese Frage zielt darauf ab, herauszufinden, ob Mediziner auf die Printausgabe einer Zeitschrift verzichten würden, wenn ihnen eine online Version günstiger angeboten würde. Für 60% spielte das Format beim Preis keine Rolle. Doch scheint sich dies mit der jüngeren Generation Zahnmedizinern zu ändern. Der Median der Befragten der unter 40 jährigen liegt zwischen unentschieden und denen, die der Aussage eher zustimmen. Im Gegensatz dazu liegt der Median der Befragten über 40 -jährigen bei der Aussage: “trifft nicht zu” (Signifikanzniveau: p=0,04). Dieses Resultat passt zu dem Ergebnis, dass jüngeren Zahnmediziner mehr Artikel online lesen, als ihre älteren Kollegen. Im Nachhinein stellt sich die Frage, ob junge Zahnmediziner überhaupt für Fachliteratur im Internet bezahlen oder ob Sie zum Beispiel auf OA ausweichen; so wie es einer der Befragten von sich aus anmerkte.

Zustimmungsgrad zu der Aussage: Für einen günstigeren Preis würde ich Fachartikel auch ausschließlich online lesen!

Interpretation und Zusammenfassung

Vollmar und Kollegen unterscheiden bei der Fortbildung von Medizinern die drei Gruppen:

  1. Intrinsisch motivierte Lerner, die eher nur für sich lernen und dabei auf das Internet und Bücher zurückgreifen.

  2. Kollegial und Interactive Lerner, die auf Fachzeitschirften, Qualitätszirkel und den Dialog mit Kollegen setzen.

  3. Extrinsisch motivierte Lerner, die sich gerne mit Universitäts-Vertretern, sowie Pharma-Referenten treffen und auch gerne auf Konferenzen gehen.     

Dabei stellte sich in einer Umfrage bei Allgemeinmedizinern heraus, dass 70% der Mediziner am liebsten mit Kollegen Ideen austauschen und diskutieren (Vollmar et al. 2009). Weniger gerne treffen sie sich mit Experten oder tauchen gar selber tief in die Literatur ein. Die Befragten des Zahnärztetages gehören wohl mehrheitlich zur Gruppe der extrinsisch motivierten Lernenden, die in den Studien von Vollmar das Internet, Bücher und Journale seltener benutzen. Dementsprechend interessant ist die hohe Zahl konsumierter Fachinhalte. Trotzdem sei festgehalten, dass sich die ermittelten Werte und Vorlieben ausschließlich auf die Teilnehmer des Berliner Zahnärztetages beziehen und nur eine Näherung des Verhalten des gesamten Berufsstandes widerspiegeln. Die, auf ein Jahr hochgerechnete, Anzahl von 414 fachbezogenen Inhalten ist im internationalen Vergleich sehr hoch. Der Anteil online gelesener Artikel (der Durchschnitt liegt zwischen 25% und 50%), ist dagegen deutlich geringer.

Der höhere Anteil online gelesener Artikel bei unter 40-jährigen, deutet einen Generationenwechsel an. Dass die Befragten in höherem Alter wieder zu analogen Produkten wechseln, ist unwahrscheinlich. Diese Ergebnisse sollten in einer Umfrage unter anderen Bedingungen und einer höheren Zahl Probanden verifiziert werden. Bei der Gestaltung der Studiengruppen und der Befragung, sollte dabei auf die drei oben genannten Motivationstypen geachtet werden.

Die Umfrage ergab ein relativ ausgeglichenes Verhältnis von Zahnmedizinern, denen die Speicherung und ein dauerhafter Erwerb wichtig bzw. unwichtig sind. Für annähernd die Hälfte der Befragten eignet sich damit das Geschäftsmodell PPR, da hier nur der Zugang, nicht aber der Erwerb bezahlt werden. Inwiefern PPR zum Zwecke der Recherche auch von Anhängern des Erwerbs und Downloads Zustimmung findet, wird sich im Nutzerverhalten in owidi und in weiteren Befragungen zeigen. So haben die Ergebnisse dieser ersten Befragung zu neuen Fragen geführt, mit deren zukünftiger Beantwortung die Bewertung des Potenzials von PPR weiter unterfüttert und abgesichert werden kann. Es gilt zu klären, ob Zahnmediziner, Mediziner und Experten im Allgemeinen, für die Suche innerhalb kostenpflichtiger Verlagsbestände zahlen würden. Immerhin verbringen 51,6% der Hochschul-Mediziner mehr als 4 Stunden pro Woche mit der Suche nach Fachliteratur.